
Von der Regressionsanalyse zum Large Language Model: Die historische Entwicklung des Einsatzes künstlicher Intelligenz in der Immobilienbewertung
30. Juni 2026
Von der Regressionsanalyse zum Large Language Model: Die historische Entwicklung des Einsatzes künstlicher Intelligenz in der Immobilienbewertung
30. Juni 2026Künstliche Intelligenz in der Immobilien-bewertung: Revolution oder bloßes Hilfsmittel?
Die Immobilienwirtschaft befindet sich in einer Phase der Transformation (Bell, 2026, S. 22). Megatrends wie die Digitalisierung zwingen die Branche zum Wandel. Einen zentralen Strukturwandeltreiber bildet dabei der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI), der nach Cajias (2021, S. 15-17) das Potenzial hat, eine technologische Revolution in diesem Sektor auszulösen. Doch was bedeutet der Einsatz von KI und automatisierten Bewertungsmodellen konkret für die Praxis der Immobilienbewertung?
In diesem Fachbeitrag geben wir eine fundierte Einführung in die technologischen Grundlagen, die historischen Entwicklungen, sowie die Chancen und Grenzen von KI in der Wertermittlung.

1. Einleitung
Die Immobilienbewertung befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Während Sachverständige seit Jahrzehnten auf normierte Verfahren wie das Vergleichswert-, Sachwert- und Ertragswertverfahren nach der Immobilienwertermittlungsverordnung (ImmoWertV) zurückgreifen, gewinnt eine neue Technologie zunehmend an Bedeutung: künstliche Intelligenz (KI). Der wissenschaftliche Diskurs über den Einsatz von KI in der Immobilienbewertung reicht dabei weit zurück – er wird bereits seit den frühen 1990er Jahren geführt, mit Schwerpunkt auf der Entwicklung genauerer KI-basierter Wertableitungsmodelle (Do & Grudnitski, 1992, S. 38; Tay & Ho, 1992, S. 526). Seither hat sich die Debatte weiterentwickelt: Präzisere Modelle wurden entwickelt, größere Datenmengen einbezogen, und das Thema erfährt international in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit (Topraklı, 2024, S. 1).
Treiber dieser Entwicklung sind einerseits die wachsende Verfügbarkeit digitaler Transaktionsdaten und andererseits die gestiegene Erwartung institutioneller Investoren an transparentere, objektivere und genauere Bewertungen (DeLisle et al., 2020, S. 364–366; Topraklı, 2024, S. 1–2). Gleichzeitig stoßen die traditionellen Verfahren der Immobilienbewertung, die auf subjektiven Einschätzungen, bestimmten Modellvorstellungen und der Verwendung relativ geringer und fest definierter Datensätze beruhen, an ihre Grenzen (Topraklı, 2024, S. 2–4).
Dieser Beitrag gibt eine strukturierte Einführung in das Thema KI in der Immobilienbewertung. Er erläutert grundlegende Begriffe und beleuchtet die wesentlichen Potenziale sowie Herausforderungen – mit besonderem Blick auf den deutschen Markt.
2. Begriffsklärung: Was ist künstliche Intelligenz?
2.1 Künstliche Intelligenz
Obwohl es keine einheitlich akzeptierte Definition von KI gibt und diese je nach Forschungsfeld variiert (Russell & Norvig, 2022, S. 19–20), ist den meisten Definitionen gemein, dass unter KI im weiteren Sinne die Schaffung einer auf informatischen bzw. computerbasierten Grundlagen basierenden Intelligenzform zu verstehen ist, die im engeren Sinne der menschlichen Intelligenz nahekommen soll (Sheikh et al., 2023, S. 15; P. Wang, 2019, S. 26–29). Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) definiert KI als:
„a machine-based system that, for explicit or implicit objectives, infers, from the input it receives, how to generate outputs such as predictions, content, recommendations, or decisions that can influence physical or virtual environments."
Diese Definition ähnelt der Begriffsbestimmung der EU-Verordnung über künstliche Intelligenz (Verordnung über künstliche Intelligenz, 2024, Art. 3 (1)) und wird in diesem Beitrag zugrunde gelegt.
Im Kontext der Immobilienbewertung werden unter KI spezifischer „datenbasierte informatische Ansätze verstanden, die im immobilienbewertungsrelevanten Kontext zur Verarbeitung meist großer Datensätze, zur Modellierung komplexer immobilienwirtschaftlicher Markt- und Bewertungszusammenhänge und zur Unterstützung einer Entscheidungsfindung erstellt und verwendet werden" (Bell, 2026, S. 90–91).
2.2 Maschinelles Lernen als Kernbereich
Das für die Immobilienbewertung derzeit bedeutsamste Teilgebiet der KI ist das maschinelle Lernen (engl. Machine Learning, ML). Jordan und Mitchell (2015, S. 255–256) beschreiben maschinelles Lernen als einen Ansatz, bei dem „mittels mathematischer Modelle maschinelle Intelligenz erzeugt" wird und das Modell „mit zunehmender Erfahrung bezüglich einer auszuführenden bestimmten Art von Aufgabe" lernt und sich seine „Leistungsparameter verbessern". Das ML-Modell wird mit einem bestimmten Datensatz trainiert und soll anschließend „automatisch Vorhersagen für ein bestimmtes Testmuster treffen, ohne dass es ausdrücklich für diese Aufgabe programmiert werden musste" (Minh et al., 2022, S. 3504).
Grundsätzlich lassen sich drei Lernparadigmen unterscheiden (Janiesch et al., 2021, S. 686–687):
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Supervised Learning: Das Modell wird mit einem Set an Trainingsdaten trainiert, das sowohl Inputdaten als auch markierte Ergebnisdaten enthält, sodass durch das Training ein Lösungsweg für den Umgang mit reinen Inputdaten erlernt wird – entweder für Regressions- oder Klassifizierungsprobleme.
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Unsupervised Learning: Das Modell lernt auf Basis der Inputdaten ohne direktes Feedback zur Richtigkeit des Ergebnisses und wird vornehmlich zum Clustering verwendet (Russell & Norvig, 2022, S. 671).
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Reinforcement Learning: Das Modell entwickelt sich durch Versuch und Irrtum, um ein spezifiziertes Ziel zu erreichen (Janiesch et al., 2021, S. 687).
Für die Immobilienbewertung im Sinne von Immobilienwertableitung sind insbesondere Supervised Learning-Modelle relevant, da diese das exakte Vorhersagen von Immobilienwerten mittels Regression ermöglichen und „die exakte Wertvorhersage im Vordergrund der Immobilienbewertung steht" (Bell, 2026, S. 92).
2.3 Automated Valuation Models (AVM) und Automated Valuation Systems (AVS)
Ein zentraler Begriff im Kontext der KI-gestützten Immobilienbewertung ist das Automated Valuation Model (AVM). Der Begriff ist nicht einheitlich definiert (Glumac & Des Rosiers, 2021b, S. 452). Der im europäischen Kontext maßgebende Verband der Immobilienbewerter TEGoVA definiert AVM als
„simply the mechanical application of an algorithmic procedure to the data presented to it, without taking into account a valuer's opinion as to other relevant information, without a physical inspection of the property and ignoring the weighting a valuer would place on the relevant information."
Davon abzugrenzen ist das Automated Valuation System (AVS), das „die Kombination aus AVM und Sachverständigem beschreibt und die finale Wertentscheidung beim Sachverständigen verortet" (Glumac & Des Rosiers, 2021b, S. 453).
3. Potenziale von KI in der Immobilienbewertung
Die Potenziale des KI-Einsatzes in der Immobilienbewertung sind vielfältig. Auf Basis einer umfassenden Metasynthese der Literatur lassen sich u. a. folgende Kernpotenziale identifizieren (Bell, 2026, S. 129–134; El Jaouhari et al., 2024):
3.1 Technologische Potenziale
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Höhere Bewertungsgenauigkeit: Das am häufigsten genannte technologische Potenzial ist die höhere Genauigkeit von KI in der Immobilienbewertung (Bell, 2026, S. 129). Valier (2020, S. 221–222) konnte in einer Metastudie zeigen, dass KI-Verfahren den klassischen Verfahren wie hedonischen Modellen in puncto Genauigkeit überlegen sind.
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Nutzung nicht-traditioneller Datenquellen: KI ermöglicht die Einbeziehung von Social-Media-Daten, Satellitenbildern, Luftqualitätsdaten und weiteren Informationen, die traditionelle Verfahren nicht berücksichtigen können (Topraklı, 2024; Szumilo & Wiegelmann, 2024). Y. Zhao et al. (2024, S. 604) zeigen beispielhaft, dass der Einbezug von Daten zum Verkehrsaufkommen und zur umgebenden Bebauung die Modellgenauigkeit positiv beeinflusst.
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Markttrend-Analyse und Prognose: KI kann künftige Marktentwicklungen und deren Auswirkungen auf Immobilienwerte vorhersagen – eine Fähigkeit, die traditionellen Verfahren weitgehend versagt bleibt (Alexandridis et al., 2019; Renigier-Biłozor et al., 2021).
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Schnellere Bewertung durch Automatisierung: Durch den Einsatz von KI können Bewertungsprozesse erheblich beschleunigt werden (Saull et al., 2020; Deppner et al., 2023).
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Verarbeitung großer Datensätze: KI-Modelle können deutlich mehr Transaktionsdaten verarbeiten als traditionelle Vergleichswertverfahren (Topraklı, 2024; El Jaouhari et al., 2024).
3.2 Umweltbezogene Potenziale
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Transparenterer Immobilienmarkt: Objektivere Bewertungen können Informationsasymmetrien abbauen und zu einem gerechteren Markt beitragen (El Jaouhari et al., 2024; Lin et al., 2023).
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Verbesserte Regulatorik: Die schnelle Auswertung großer Immobilienbestände ermöglicht gezieltere regulatorische und städtebauliche Maßnahmen (Maia & David, 2024; Xu & Zhang, 2021).
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4. Herausforderungen von KI in der Immobilienbewertung
Trotz der beschriebenen Potenziale bestehen erhebliche Herausforderungen, die einer breiten Anwendung von KI in der Immobilienbewertung – insbesondere in Deutschland – entgegenstehen. Insgesamt wurden in der Literatur mehr Herausforderungen als Potenziale identifiziert (Bell, 2026, S. 135–139).
4.1 Technologische Herausforderungen
Die mit Abstand am häufigsten in der Literatur genannte technologische Herausforderung ist der „Black-Box"-Charakter vieler KI-Modelle (13 Nennungen in der Literatur; Bell, 2026, S. 136). Damit ist gemeint, dass „die Entscheidungsprozesse – aufgrund nicht linearer Transformationen innerhalb der neuronalen Netze – und die innere Funktionsweise – insbesondere aufgrund der Mehrschichtigkeit – für Menschen nicht nachvollziehbar sind" (Castelvecchi, 2016, S. 21–22, zitiert nach Bell, 2026, S. 95). Dieser Charakter führt zu Intransparenz und fehlendem Vertrauen in die Technologie (Topraklı, 2024; El Jaouhari et al., 2024; Abidoye & Chan, 2017b). Für Sachverständige, die ihre Bewertungsergebnisse begründen und vertreten müssen, ist dies eine zentrale Hürde.
Eng damit verbunden sind die Herausforderungen der Datenqualität und -verfügbarkeit: KI-Modelle sind datengetrieben und reagieren sensibel auf fehlerhafte oder unvollständige Eingangsdaten. Dieser Zusammenhang wird in der Informatik häufig als „Garbage-In-Garbage-Out"-Prinzip beschrieben und besagt, „dass nur bei hoher Datengenauigkeit valide Modellergebnisse entstehen können, sofern auch die Eingangsdaten valide und bereinigt sind" (Bell, 2026, S. 136). Zudem ist eine „fortwährende Datenaktualisierung und -bereinigung notwendig, um dauerhaft aktuell gültige und genaue Wertermittlungen herleiten zu können" (Bell, 2026, S. 136; vgl. auch Topraklı, 2024; Deppner et al., 2023). In Deutschland stellt die eingeschränkte Verfügbarkeit von Transaktionsdaten – etwa aus den Kaufpreissammlungen der Gutachterausschüsse – eine besondere Herausforderung dar (Bell, 2026, S. 265–290).
4.2 Organisatorische Herausforderungen
Als bedeutsamste organisatorische Herausforderung wird die fehlende Digitalkompetenz von Sachverständigen identifiziert (Bell, 2026, S. 335–380). Dabei ist „keine tiefgreifende technologische Kompetenz des Sachverständigen oder Endkunden, vergleichbar mit der Kompetenz eines Softwareentwicklers, gemeint, sondern vielmehr ein grundlegendes Verständnis der Bedienung der Software sowie der grundsätzlichen Funktionsweisen" (Bell, 2026, S. 137). Eine standardisierte Befragung unter deutschen Sachverständigen bestätigt diese Herausforderung empirisch (Bell, 2026, S. 338–365).
Weitere organisatorische Herausforderungen umfassen die Notwendigkeit menschlicher Aufsicht über KI-Modelle sowie eine Resistenz von Stakeholdern gegenüber der neuen Technologie. Durch die zügigere, kostengünstigere und weniger humankapitalintensive KI-basierte Immobilienbewertung ist zudem „ein Abbau von Arbeitsplätzen nicht auszuschließen. Gleichzeitig besteht auch die Möglichkeit der Schaffung neuer Arbeitsplätze im Kontext der Softwareentwicklung und -betreuung" (Bell, 2026, S. 137–138).
4.3 Umweltbezogene Herausforderungen
Im Bereich der regulatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen stellen ethische Aspekte und Datenschutz die bedeutsamsten Herausforderungen dar (Bell, 2026, S. 381–412). Insbesondere besteht die „Gefahr diskriminierender Bewertungsergebnisse sofern KI-Modelle mit verzerrten Daten trainiert oder mit verzerrten/biased Algorithmen erstellt werden" (Bell, 2026, S. 139; vgl. Topraklı, 2024; El Jaouhari et al., 2024; Saull et al., 2020).
Hinzu kommt der fehlende regulatorische Rahmen: Die aktuell gültige ImmoWertV lässt ein Abweichen von den normierten Verfahren nicht zu. Gleichwohl erachten Kleiber et al. (2023, S. 495) die Vorgabe verbindlicher und bundeseinheitlicher Modellansätze als „das unausgesprochene Ziel einer Automatisierbarkeit der Verkehrswertermittlung" – was als mögliche künftige Öffnung der ImmoWertV gegenüber KI-Verfahren interpretiert werden kann (Bell, 2026, S. 32). Im finanzwirtschaftlichen Umfeld hingegen ist der Einsatz von AVM seit der Novellierung der Beleihungswertermittlungsverordnung (BelWertV) im Jahr 2022 regulatorisch gestattet.
5. Ausblick: KI als Unterstützung, nicht als Ersatz
Eine zentrale Erkenntnis der aktuellen Forschung ist, dass KI den Sachverständigen nicht ersetzen, sondern unterstützen soll. Bell (2026, S. 111) hält ein „Ersetzen der Sachverständigen durch KI für nicht realistisch" und erachtet die „Mensch-Technologie-Interaktion als unabdingbar". Vielmehr bietet das Konzept des Automated Valuation System (AVS) – die Kombination aus KI-Modell und menschlichem Sachverstand, bei der „die finale Wertentscheidung beim Sachverständigen verortet" bleibt (Glumac & Des Rosiers, 2021b, S. 453) – einen vielversprechenden Ansatz für die Praxis.
Für Sachverständige bedeutet dies: Der kompetente Umgang mit KI-Tools wird zunehmend zu einer Kernkompetenz des Berufsbildes. Wer KI-gestützte Verfahren versteht, kritisch einordnen und plausibilisieren kann, wird von der Technologie profitieren. Wer dies nicht tut, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren – denn bereits 1997 wurde prognostiziert, dass Sachverständige durch automatisierte und intelligente Systeme ersetzt werden würden (Rossini, 1999, S. 6), und im internationalen Umfeld hat sich diese Prognose in Teilen bereits erfüllt (Bell, 2026, S. 25).
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